24 | 09 | 2017

Der sanfte Riese

Der sanfte Riese

 

Die Gattung Cyphotilapia

 

 

 

 
     
  Schon mehr als 100 Jahre kennt man Cyphotilapia frontosa. Allerdings hatte er zu Anfang einen anderen Namen. Boulenger nannte ihn im Jahre 1906, nach seiner Entdeckung, "Paratilapia frontosa".    
 

Er konnte bereits den 100. Jahrestag seiner Entdeckung feiern

Cyphotilapia frontosa ist ein alter Bekannter - im Jahre 2006 waren es nämlich genau 100 Jahre her, seit der Belgier Georg Albert Boulenger (1858 - 1937) diesen Fisch 1906 als erster beschrieb. Seiner Neuentdeckung ordnete Boulenger damals den Namen "Paratilapa frontosa" zu. Dieser Name erfuhr noch einige Wechsel, bis es schliesslich zum heutigen "Cyphotilapia frontosa" beziehungsweise "Cyphotilapia gibberosa" kam (siehe auch Name). In deutscher Sprache trägt der Fisch den Namen "Tanganjika-Beulenkopf". Heute sind zwei Typen bekannt, einer mit sechs Streifen und einer mit sieben Streifen. Vom Sechs-Streifen-Typ gibt es mittlerweile diverse lokale Varianten (siehe auch Varianten) oder mit Cyphotilapia gibberosa gar eine eigenständige Art. Eines haben aber alle Cyphotilapia gemeinsam: Sie sind im Tanganjikasee endemisch. Das heisst, dass es Cyphotilapia weltweit ausschliesslich im Tanganjikasee gibt. Im Aquarium wird übrigens jene Variante, die an den Küsten von Burundi - also ganz im Norden des Tanganjikasees gefangen wird, am häufigsten gehalten. Eigentlich würden auch die anderen Schläge gerne gepflegt, doch wurden sie seltener eingeführt. Dies hat vor allem mit der politischen Lage in den Fangländern zu tun. So war es der kriegerischen Auseinandersetzungen wegen lange Jahre fast unmöglich an Wildfänge von Cyphotilapia gibberosa "Blue Zaire" heran zu kommen. Wie schon erwähnt, ist diese Variante mein ganz besonderer Favorit. Aus diesem Grunde zeigen auch die meisten Fotografien auf Guido's Frontosa-Seite den "Blue Zaire".

Neue Taxa bringt Cyphotilapia gibberosa hervor
Seit der Überarbeitung der Nomenklatur der Fische durch Regan (1920), gilt der Gattungsname Cyphotilapia. Fast ein Jahrhundert war Cyphotilapia frontsa monotypisch, also der einzige Vertreter dieser Art. Wie im Sommer 2004 vom Schweizer Cichlidenspezialisten Heinz H. Büscher in den "DCG Informationen" publiziert wurde, hat sich dies im Jahre 2003 geändert - zum Frontosa hat sich Cyphotilapia gibberosa gesellt. Die Japanischen Ichthyologen Takahashi und Nakaya haben damals ein neues Taxon eingeführt, das eine zweite Cyphotilapiaart im Tanganjikasee beschreibt. Unter dem Namen Cyphotilapia gibberosa, sind es die Vertreter aus dem südlichen See, welche die Japaner dieser zweiten Art zuordnen. Dazu zählen der landläufig als Blue Zaire bekannte Schlag genau so wie Blue Sambia und Mpimbwe. Dabei war nicht etwa der markante Unterschied in der Färbung ausschlaggebend für die Änderung in der Nomenklatur, sondern Zählmasse wie etwa die Beschuppung im Bereich des Seitenlinienorgans. Offiziell sind also die drei genannten Varianten nach neuer Taxa kein Frontosa mehr, sondern Gibberosa. Auch die oft eingeführte Variante aus Burundi ist kein Frontosa mehr. Dieser Schlag ist nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zwar ein Cyphotilapia, aber weder frontosa noch gibberosa. Cyphotilapia species lautet der offizielle Name, weil diese Art derzeit nicht zugeordnet ist. Dieses Schicksal teilt der Burundi mit seinen Verwandten aus Karilani und Kavalla. Als einziger kann der siebenstreifige Vertreter aus Kigoma auch weiterhin den Namen Cyphotilapia frontosa tragen. Mehr zu diesem Thema finden sie unter <Varianten>. Der Name "Gibberosa" leitet sich übrigens vom lateinischen Wort Gibbus (Buckel) ab, und spielt damit wie beim frontosa auf den Stirnbuckel an. Ausführliche Informationen zur neuen Taxa sind auf http://www.gibberosa.ch zu finden.

Die eigentümlich Verwandschaft
Geblieben ist der Gattungsname Cyphotilapia wie er von Regan geprägt wurde. Dieser gehört übrigens seinerseits zur Gattungsgruppe Tropheini (Typusart Paratilapia frontosa). Wie Regan dazu kam C. frontosa dieser Gattungsgruppe zuzuordnen, ist schwer nachvollziehbar. Die weitaus meisten Fische dieser Gattungsgruppe sind bekanntlich Aufwuchsfresser und auch von der Form her völlig anderer Gestalt. Man denke an die verschiedenen Tropheus-, Petrochromis- und Simochromisarten (Bilder unten). Zum Gattungstypus, das sei hier auch noch erwähnt, gehören zwei nicht ganz durchgehende Seitenlinien und 32 bis 35 Cycloidschuppen (Rundschuppen).

   
 

 

   
   
  Simochromis pleulospilus gehört seit der überarbeiteten Nomenklatur (Regan 1920) in dieselbe Gattungsgruppe wie Cyphotilapia frontosa.   Petrochromis spec. "Kasumbe", als typischer Vertreter seiner Art, gehört zu den Aufwuchsfessern und ist ebenfalls mit Cyphotilapia verwandt.   Die Tropheusarten, hierTropheus moorii "Chimba", sind in ihrem Temperament völlig anders als Frontosas - doch auch sie sind verwandt mit C. frontosa.    
     
 

Die Verwirrung um die Anzahl Streifen
Wie viele Streifen haben Cyphotilapias? Man möchte meinen, dass dies keine Frage sei.  Doch gibt es um die korrekte Anzahl der Streifen immer wieder verwirrende Angaben. Während einige Autoren fünf Streifen zählen, kommen andere bei ein und demselben Fisch auf deren sechs. Um die Verwirrung komplett zu machen, mischt auch noch die Natur mit. Sie hat nämlich in der Tat eine Variante von Cyphotilapia hervorgebracht, die einen Streifen mehr zeigt, als alle anderen. Hat diese Variante jetzt gar sieben Streifen? Zu allem Überfluss wird von einigen Autoren auch noch zwischen Körperstreifen und Kopfbinde unterschieden, was ich als völlig unsinnig erachte.
Des Rätsels Lösung ist einfach – sozusagen eine Frage der Betrachtungsweise. Geht man davon aus, dass die

   
  Nach allgemein gültiger Zählart haben alle Cyphotilapia sechs Streifen - die Ausnahme bildet die Variante vom Typusfundort, die sieben Streifen zeigt.    
Grundfarbe der Cyphotilapia hell ist, so kann man auf seinen Flanken sechs dunkle Streifen zählen. Geht man aber davon aus, dass die Grundfarbe dunkel ist, kann man auf demselben Fisch fünf helle Streifen zählen. Auf den ersten Blick scheint die Variante mit den hellen Streifen als logisch. Auf die Frage, wie viele Streifen hat dieser Fisch, antworteten nämlich alle von mir befragten Personen spontan mit fünf. Sie hatten ganz selbstverständlich die hellen Streifen gezählt. Auch ich hatte, seit ich Cyphotilapia kenne, so gezählt. Ganz anders die meisten Autoren: Sie zählen die dunkeln Streifen. Um die Verwirrung um die Streifen nicht noch zu vergrössern, habe ich mich entschlossen, auf die Zählweise der Autoren einzuschwenken. Damit hat Cyphotilapia normalerweise sechs dunkle Streifen, inklusive der Augenbinde.
Die Ausnahme bilden die Frontosas vom Typusfundort bei Kigoma (Tansania), die einen siebten dunklen Streifen zeigen. Von da stammte übrigens auch jener Frontosa, auf den die Erstbeschreibung zurückgeht. Damit hatte der „Ur-Frontosa“ wohl einen Streifen mehr, als die Mehrheit seiner später gefangenen Verwandtschaft. Ob Boulenger damals sechs helle, oder sieben dunkle Streifen zählte, entzieht sich meiner Kenntnis.
   

"Eierliebender" Maulbrüter
In der Fachliteratur werden Cyphotilapias als „Agame maternale“ Maulbrüter bezeichnet. In deutscher Sprache bedeutet dies nichts anderes, als dass Cyphotilapias keine eheähnliche Beziehungen eingehen, und dass die Mutter für die Brut sorgt. Die Männchen bleiben also nur während des Laichens mit den Weibchen zusammen. Und hier gleich noch ein Fachausdruck: Cyphotilapias sind „ovophile Maulbrüter“.  Die Übersetzung dieses Ausdruckes bedeutet in etwa „eierliebender Maulbrüter“ und will klar machen, dass die Weibchen die Eier unmittelbar nach der Eiablage in den Mund nehmen. Dies im Gegensatz zu den larvophilen Maulbrütern, die ihre Brut erst ins Maul nehmen, wenn diese das Larvenstadium erreicht hat. Als Pfleger von Tanganjikabarschen kann man diese Gruppe getrost vergessen. Alle im Tanganjikasee vorkommenden Maulbrüter sind ovophil.

Geschlechtsunterschied und Stirnbuckel
Grosser Buckel = Männchen, kleiner Buckel = Weibchen. So einfach lässt sich das Geschlecht bei den
Cyphotilapias leider nicht bestimmen. Obschon im Internet (und gar bei Buchautoren) die Grösse des Stirnbuckels fälschlich als sekundäres Geschlechtsmerkmal bezeichnet wird. Richtig ist indessen, dass Männchen oft die ausgeprägteren Buckel tragen und Weibchen oft ein etwas runderes Profil zeigen. Doch sind dies keine verlässlichen Zeichen, zumal die Ausprägung des Buckels bei den verschiedenen Varianten von Grund auf unterschiedlich stark ist.

   
Ein anderes, aber auch unsicheres Geschlechtsmerkmal, kann die Länge der Ventralia (Bauchflossen) sein. Beim Männchen reichen sie oft bis über die Anale (Afterflosse) hinaus, während sie bei den Weibchen selten so lang sind. Aber auch hier ist gilt es zu beachten, dass nicht alle Cyphotilapia ein gleich ausgeprägtes Flossenkleid tragen. Bei den Arten aus dem nördlichen See, sind die Flossen von Grund auf nicht so lang ausgezogen.    
  Die lang ausgezogenen Ventralia (Bauchflossen) reichen bei diesem Gibberosamann bis über die Anale (Afterflosse) hinaus. Ein Merkmal, das oft auf das Geschlecht hinweist - allerdings nicht sehr zuverlässig.      
  Der sichere Weg zur Geschlechtsbestimmung
Der einzig sichere Weg zur zuverlässigen Geschlechtsbestimmung, ist die Untersuchung der Genitalpapille (Geschlechtsöffnung). Dieses Verfahren braucht aber grosse Erfahrung und der zu bestimmende Fisch muss dazu herausgefangen werden – das bedeutet Stress für Fisch und Aquarianer.
Was auf den Bildern unten so klar scheint, ist an lebenden Fischen oft schwieriger zu beurteilen. Wie grösser die Tiere, umso einfacher die Bestimmung. Es empfiehlt sich aber in jedem Falle eine Lupe bereitzulegen. Damit lässt sich die genaue Form der Papille besser erkennen.
 
     
  Dieses Bild zeigt die Geschlechtspartie eines Cyphotilapia Männchens. Der weisslich umrandete dunkle Punkt, ist der After. Interessant ist aber der Fortsatz darunter. Er zeigt das äussere Geschlechtsorgan des Männchens    
  Beim Weibchen zeigt sich ein weisslicher, fast runder Knubbel.    
Räuber, aber nicht Jäger
Er verspeist gerne Fische - doch er ist kein Jäger. Seine Nahrungsbeschaffung unter kleineren Beckenbewohnern hat eher mit einer anderen seiner Charaktereigenschaften zu tun: Cyphotilapias sind Frühaufsteher. Sie sind meistens die ersten, die im schwachen Licht der Morgendämmerung ihre Runden durch das Aquarium ziehen. Erwachen dann die ersten anderen Fische und verlassen noch etwas schlaftrunken ihre Verstecke, schlägt Cyphotilapia zu. Ohne grosse Anstrengung, ganz wie es eben seine Art ist - immer schön gemächlich.
Diese Gemächlichkeit kann sich indessen rapide ins Gegenteil verkehren. Dann, wenn es um Streitereien unter Artgenossen geht.
   
  Sein sanfter Ausdruck täuscht: Cyphotilapias sind und bleiben Räuber.  
Diese Gemächlichkeit kann sich indessen rapide ins Gegenteil verkehren. Dann, wenn es um Streitereien unter Artgenossen geht. Bei der Verteidigung seines Versteckes oder wenn es gilt klar zu machen wer der Stärkere ist, zeigen Cyphotilapias, dass sie durchaus ruppige, aggressive Schnellschwimmer sein können. Gegenüber artfremden Fischen (auch kleinen) sind sie tagsüber sehr friedlich. Ja, sie lassen sich sogar von viel kleineren, aber beweglicheren Fischen, terrorisieren. Darin liegt ein Grund, weshalb man Cyphotilapia besser nicht mit flinken Cichliden, etwa aus dem Malawisee, vergesellschaften sollte.    
Verhalten in der Natur
Obschon Untersuchungen des Mageninhaltes an frisch gefangenen Cypotilapias eindeutig beweisen, dass sie Fischfresser sind, sieht man sie nie jagen. Das berichten jedenfalls erfahrene Taucher, meist Fischfänger. Also, eine Parallele zum oben beschriebenen Verhalten im Aquarium. In freier Natur, so berichten die Taucher, konnte man Cyphotilapias noch nie bei der Jagd oder auf Raubzug beobachten, wie es normalerweise für Raubfische typisch ist. Und dies, obschon sie ganz klar zu den Raubfischen gehören. Sie hätten bisher kein Verhalten gezeigt, das ihren räuberischen Charakter verraten hätte, berichten die Taucher weiter. Deshalb geht man davon aus, dass sie sich, wie oben beschrieben, "schlafende" Fische einverleiben. Dabei sollen Cyprichromis-Arten bevorzugt auf ihrem Speiseplan stehen. Offenbar leben diese Fische im selben Biotop wie Cyphotilapia. Cyprichromis im Frontosabecken sind also nicht zu empfehlen.

In Gruppen, aber nicht im Schwarm
Cyphotilapias findet man im Tanganjikasee, wo sie bekanntlich endemisch sind, in grossen Gruppen. Dennoch kann man die Arten nicht als Schwarmfische bezeichnen. Ihr Verhalten in der Gruppe ist nämlich individuell und nicht wie im Schwarm, wo sich die Tiere synchron bewegen. Diese Gruppenbildung in der Natur ist mit ein Grund, weshalb man Cyphotilapias auch im Aquarium in Gruppen von mindestens fünf Tieren pflegen sollte. Andererseits darf man bei der Grösse der Gruppe auch nicht überborden. Man muss sich bewusst sein, dass diese Fische gross werden können (bis 35 Zentimeter). So kann auch ein Zwei-Meter-Becken schnell einmal eng werden.

Im Tiefenrausch
Interessant ist auch der Lebensraum, den sich Cyphotilapias in der Natur ausgesucht haben. Sie sind typische Bewohner des Felslitorals. Dies ist den meisten Freunden dieses Buntbarsches bekannt. Weniger bekannt ist, dass ausgewachsene Tiere in Tiefen von 40 bis 60 Metern leben. Nur Jungfische leben in seichteren, sonnendurchfluteten Wasserregionen. Diese Vorliebe der erwachsenen Cyphotilapias für diese Tiefen stellt die Fischfänger vor Probleme. Zum einen macht es in Bezug auf den Energie- und Zeitverbrauch einen grossen Unterschied, ob Fische in 10 Meter Tiefe gefangen werden, oder beispielsweise in 50 Metern. Zum Andern kommt noch das Problem der Dekomprimierung dazu. Fische, die in solchen Tiefen gefangen werden, können nur sehr langsam an die Oberfläche geholt werden. Wie Taucher müssen auch Fische, die aus grosser Tiefe heraufgeholt werden, einen langsamen Druckausgleich durchlaufen. Der Körper muss sich ganz langsam an den viel geringeren Druck dicht unter dem Wasserspiegel gewöhnen. Würde man die Fische abrupt an die Oberfläche holen, bedeutete dies den sicheren Tod. Die Dekomprimierung kann über mehrere Tage andauern. Sie wird in Käfigen aus Maschendraht, die an langen Seilen im Wasser hängen, durchgeführt. Von Zeit zu Zeit werden diese Käfige um einige Meter heraufgezogen. Dann bleiben sie für eine gewisse Zeit auf der neuen, geringeren Tiefe hängen. Darauf folgt dann die nächste Etappe und so weiter bis der Käfig schliesslich den Wasserspiegel erreicht. Diese aufwändigen Erfordernisse beim Fang, erklären zum Teil den hohen Preis, der für Wildfänge bezahlt werden muss.